
Sie fragen sich oder für einen Ihrer Angehörigen, ob Sie oder er vielleicht an einer Psychose oder einer Bipolaren Störung leidet? Die folgenden Seiten sollen Ihnen Wissen vermitteln, so dass Sie in dieser Frage zu einer größeren Klarheit kommen. Die so gewonnene Orientierung soll Sie motivieren, sich im persönlichen Kontakt mit anderen Erfahrenen, Angehörigen oder einem Arzt oder Therapeuten zu vergewissern. Entsprechende Adressen u. a. auch von sog. Früherkennungszentren finden Sie am Ende dieser Website.
Die Möglichkeit, dass sich in bestimmten Lebenssituationen Wahrnehmungen und Denkvorgänge verändern, also psychotisch zu werden, ist im Menschen angelegt (s. Kap. „Verständnis von Psychosen“). Bis zu einem Punkt ist diese Reaktionsmöglichkeit sogar als ein Schutzmechanismus anzusehen. Bei extremer Überreizung/Traumatisierung oder sehr umfassender Isolation können auch ansonsten sehr stabile Menschen so reagieren.
Doch ist die Wahrscheinlichkeit nicht für alle Menschen gleich. Manche Menschen sind dünnhäutiger als andere oder werden es im Laufe ihres Lebens. Dabei können sehr viele verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Dünnhäutigkeit oder Vulnerabilität ist kein Krankheitszustand. Für das menschliche Zusammenleben ist die Verschiedenheit in dieser Hinsicht sogar ein Segen. Doch in bestimmten Konflikten und Krisen wächst eben auch die Wahrscheinlichkeit von Psychosen. Dafür kann es Frühwarnzeichen geben, doch die sind meistens unspezifisch, d. h. sie können zu Psychosen führen, müssen es aber nicht.
Im günstigsten Fall gibt es Hilfen, die die Ressourcen des Betroffenen bzw. seiner Familie stärken und die gemeinsamen Konfliktstrategien verbessern. Krisen im Sinne von Phasen der Neuorientierung (s. Kap. „Verständnis von Psychosen“) sind im Leben unvermeidlich. Für möglicherweise von einer Psychose Betroffene und ihre Familien aber ist es wichtig, in der Krise Hilfe zu bekommen. Auch die Balance von eigenen und fremden Erwartungen kann eine Herausforderung sein, bei der die Hilfe Dritter gut tut. Das ist nicht sehr psychosespezifisch, aber bei psychosenahen Menschen u. U. besonders wichtig.
Nicht die möglichst frühe Diagnose der Psychose ist das oberste Ziel, sondern ihre Entaktualisierung oder Vermeidung. Wie bei allen Hilfen gilt es Nutzen und Schaden abzuwägen. Gemessen werden sollten Hilfen daran, ob es gelingt, die mit Psychosen oft verbundene Eigendynamik – in psychischer, sozialer und körperlicher Hinsicht – einzudämmen. Das erfordert in der Regel den Blick auf den ganzen Menschen und seine Familie.
Früherkennung will Menschen, die erste Anzeichen einer Psychose
haben, und ihre Familien möglichst rechtzeitig entlasten und so die
Erkrankung entaktualisieren, vermeiden oder günstig beeinflussen.
Bei Menschen mit eindeutigen Krankheitssymptomen ist das relativ einfach.
Das heutige Wissen zeigt eindeutig, dass eine frühzeitige Behandlung
den Verlauf verbessert. Je kürzer die unbehandelte Psychose oder
Bipolare Erkrankung dauert, desto günstiger ist die Prognose.
Schwieriger ist die Situation bei Menschen, die noch nicht unter klaren Krankheitssymptomen leiden, aber erste milde psychische und soziale Veränderungen zeigen, die auf eine Psychose hindeuten können. Hier ist es wichtig,
Bewährt haben sich Hilfen, die konfliktorientiert sind, also vorhandene Krisen als Anlässe entdramatisieren, und die nahe Angehörige frühzeitig einbeziehen. In diesem Zusammenhang ist es am ehesten möglich, erste psychotische Symptome durch Verständnis aufzuheben oder ggf. auch mit vorsichtiger Medikation nachzuhelfen.
