Verständnis von Psychosen

Wie können Psychosen verstanden werden?

„Menschen müssen im Unterschied zu anderen Lebewesen um ihr Selbstverständnis ringen. Wir können an uns zweifeln und dabei auch verzweifeln, über uns selbst hinaus denken und uns dabei auch verlieren: Wer lange Zeit verzweifelt ist, ohne Trost und Halt zu finden, wer seine Gefühle nicht mehr mitteilen kann oder sie nicht mehr aushält, kann depressiv werden oder, wenn er die Flucht nach vorn ergreift, auch manisch. – Wer sehr dünnhäutig ist, kann in Lebenskrisen so durchlässig werden, dass er seine Grenzen verliert. Die Wahrnehmungen können eigensinnig werden, die Gedanken sprunghaft. Dauert dieser Zustand an, sprechen wir von Psychosen. Wer psychotisch wird, ist also kein ,Wesen vom anderen Stern, sondern reagiert zutiefst menschlich´. (Quelle: „Es ist normal, verschieden zu sein“, 2007, zu bestellen über info@irremenschlich.de).

bildEine Psychose hat mit den menschlichen Möglichkeiten überhaupt, aber auch mit einer individuellen Person, ihrer besonderen Lebensgeschichte und ihrer konkreten Situation zu tun. Viele Faktoren wirken zusammen, nie gibt es nur eine Erklärung. Oft ist der Verlust der Realität als Schutzmechanismus zu verstehen, wenn z. B. Widersprüche zwischen innerer und äußerer Welt nicht mehr ohne weiteres auszugleichen sind, Gefühle auszuhalten nicht mehr möglich ist, Erwartungen nicht zu erfüllen sind, notwendige Entscheidungen unmöglich werden und anstehende Entwicklungen blockiert sind. Ohne Hilfe kann dieser Weg in die Sackgasse führen.

Schizophrene (kognitive) und affektive Psychose

Jede Psychose ist anders und mit sehr persönlichen Inhalten gefüllt, so wie jeder Traum und jeder Mensch anders ist. Unterscheidungen in der Psychiatrie betreffen vor allem formale Aspekte und die Frage, welche seelischen Bereiche am meisten beeinflusst sind. Unterschieden werden:

  • schizophrene/kognitive Psychosen, wenn vorrangig Wahrnehmung, Denken und Sprache verändert sind, und
  • affektive Psychosen, wenn vorrangig Stimmung, Lebensgefühl und Antrieb verändert sind und die kognitiven Veränderungen in diesem Zusammenhang bleiben (unipolar oder bei Schwankungen in beide Richtungen bipolar).

Zugleich sind Wahrnehmung und Stimmung nicht völlig zu trennen, sondern beeinflussen sich gegenseitig: Wir können „schwarz sehen“ und „auf rosa Wolken schweben“, können einen „Tunnelblick“ entwickeln oder auf „Tauchstation“ gehen.
(Quelle: T. Bock, Basiswissen: Psychosen, Psychatrieverlag)

Psychotisch zu werden, bedeutet...

  • in „einen Zustand extremer Dünnhäutigkeit“ fallen. Die Grenzen zwischen innerem Erleben und äußerer Realität gehen verloren. Man wird sozusagen durchlässig: Innere Konflikte und Schwierigkeiten treten nach außen und nehmen Gestalt an (Halluzinationen). Umgekehrt gelangen äußere Einflüsse ungefiltert nach innen, ohne die Möglichkeit, zu gewichten. Alles scheint in Verbindung mit der eigenen Person zu stehen (paranoide Wahrnehmungen).
  • „eine Wahrnehmung vergleichbar der eines Kindes“ zu erlangen. Alles, was um es herum passiert, bezieht es auf sich und fühlt sich entsprechend schuldig, wenn die Eltern miteinander streiten. Bei kleinen Kindern ist diese ‚egozentrische’ Wahrnehmung entwicklungsbedingt: Gehirn und Seele erlauben noch nicht, von sich selbst abzusehen (Abstraktion). Später ist es dann ohne weiteres möglich, Beziehungen unabhängig von der eigenen Person anzunehmen. Wenn Menschen psychotisch werden, greifen sie auf diese Wahrnehmungsform zurück; das Gehirn geht sozusagen auf Notschaltung, die Seele fühlt rückwärts. Das mag bei einem Erwachsenen realitätsfremd und unpassend sein, bedeutet aber auch den Rückgriff auf eine frühere Zeit – aus welchen Gründen auch immer.
  • „ein Erleben vergleichbar dem im Traum“ zu empfinden – allerdings ohne den Schutz des Schlafes. Im Traum ist es ungefährlich, sich als Vogel zu fühlen, in der Psychose nicht. So wie es Wunsch- und Alpträume gibt, mischen sich auch in Psychosen Wunsch- und Angstanteile: Sinnbildlich in der paranoiden Psychose als Mischung aus Bedeutung und Bedrohung. Manchmal wirkt die Angst im Vordergrund und die Wünsche bleiben verschlüsselt. Doch in der Therapie und auf der Suche nach der subjektiven Bedeutung hilft der Blick in beide Richtungen: Woher und wozu?
  • „einen besonderen „Eigensinn“ von Körper und Seele zu entwickeln – die Sinne gehen eigene Wege; es entstehen Bilder und Stimmen, die nicht mehr nur von Auge und Ohr beeinflusst werden. Kein Wunder, denn nur 30% der Nerven im Seh- und Hörzentrum kommen von Auge oder Ohr, 70% aus anderen Hirnregionen! Biologisch gesehen ist es also eher erstaunlich, dass nicht viel mehr Menschen Stimmen hören oder Visionen haben. Die Seele ringt um Autonomie, zieht sich zurück in einen „letzten Hort von Eigenheit“, signalisiert allen anderen „bis hier hin und nicht weiter“.

Eine Psychose bedeutet ...

  • eine veränderte Wahrnehmung und Verarbeitung der Realität auch ohne Drogen.
  • einen besonderen „Eigensinn“ – die Sinne gehen eigene Wege, es entstehen Bilder und Stimmen, die nicht mehr nur von Auge und Ohr beeinflusst werden.
  • eine extreme Dünnhäutigkeit – Inneres dringt nach Außen und bekommt Eigenleben (Halluzination), äußere Ereignisse treffen ohne Filter und Gewichtung nach Innen (Risiko paranoider Verarbeitung).
  • träumen ohne Schutz des Schlafs – zu träumen, man wäre ein Vogel, ist ungefährlich, dieselbe Wahrnehmung in der Psychose kann riskant sein.
  • einen Zugang zu unbewusstem Erleben – so wie es Wunsch- und Alpträume gibt, hat auch die Psychose Wunsch- und Angstanteile. Vergleichbar kann Größenwahn oder Paranoia in der Psychose „etwas wert sein" bedeuten, jedoch zumindest nicht bedeutungslos zu sein.
  • eine Art Rückgriff auf kindliche Wahrnehmung – ein Kind von 2-3 Jahren bezieht alles auf sich. Wenn die Eltern sich streiten, fühlt das Kind sich schuldig. In der Psychose greifen wir auf diese Wahrnehmungsform zurück.
  • ein verzweifeltes Ringen um Autonomie – jemand zieht sich zurück bis zu einem „letzten Hort von Eigenheit“: Bis hier hin kann mir niemand folgen.
  • einen Verlust von Selbstverständlichkeit – jedes Tun verlangt Anstrengung, nichts geschieht mehr von selbst, alles hat Bedeutung.
  • einen Ausdruck tiefster Ambivalenz – Spannungsfelder wie z. B. zwischen Bindung und Autonomie oder Anpassung und Widerstand, in denen sich jeder zurechtfinden muss, bekommen existentielle Bedeutung.
  • ein Ringen um Eigenheit und Sinn – Wo sind meine körperlichen und existenziellen Grenzen? Was ist meine Bestimmung? Welche Bedeutung habe ich für andere? Welche Verantwortung kann ich tragen?

Psychosen als Reaktion auf Lebenskrisen

Eine Psychose kann jeder Mensch bekommen

Jeder kann gezwungen sein, aus der Realität auszusteigen, z. B. bei extremer Überlastung/Traumatisierung oder bei zu großer Isolation. Bei besonders sensiblen Menschen und in Zeiten besonderer Dünnhäutigkeit können auch normale Lebenskrisen das eigene Fassungsvermögen übersteigen.

Die Bedeutung von Krisen

Alle Menschen durchlaufen im Leben stabile und labile Zeiten, in bestimmten Phasen sind sie gezwungen, sich neu auszurichten, neu zu verorten, ein neues Selbstverständnis zu entwickeln, z. B.:

  • in der Pubertät und bei der Loslösung vom Elternhaus,
  • beim Abschluss einer Ausbildung und im Übergang ins Berufsleben,
  • bei der Bindung an einen Partner und bei der Geburt eines Kindes oder
  • beim Verlust von wichtigen Aufgaben und Beziehungen usw..

Psychosen als Lebenskrisen dünnhäutiger Menschen

Die meisten Menschen werden in Zeiten psychotisch, die für jeden kritisch sind. Psychosebetroffene reagieren in diesen Zeiten sensibler und existenzieller als andere, aber zugleich zutiefst menschlich. Das darf nicht bedeuten, alle Krisen vermeiden zu wollen. Krisen zu meiden hieße, das Leben zu meiden. Depressionen wären die Folge. Insofern stößt auch die Forderung, psychotische Rückfälle unbedingt zu verhindern, an Grenzen: Die Psychiatrie muss krisenfreundlicher werden, das Leben begleiten; sonst kann sie zu Depression und Rückzug beitragen.

Eine Psychose ist bei jedem anders

Jede Psychose ist anders, so wie jeder Mensch anders ist. Sie ist immer ein individueller Vorgang, der nur mit subjektiven Deutungen im persönlichen und sozialen Zusammenhang zu verstehen ist. Jedes Symptom erzählt eine eigene Geschichte. Diagnosen mögen für die professionelle Verständigung wichtig sein, sie können aber keine neuen Tatsachen schaffen. Diagnosen dürfen nicht dazu verführen, nur noch eine allgemeine Krankheit und nicht mehr einen unverwechselbaren Menschen zu behandeln.

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