Auch bei Bipolaren Stimmungsschwankungen (Depression oder Manie) vermitteln
Sprachbilder von Erfahrenen gut die Vielfalt des Erlebens.
Eine Manie bedeutet für mich...
Frau Kunst leidet unter einer häufig rezidivierenden Bipolaren
Störung. In ihrer dicken Krankenakte ist die Rede von einer „jahreszeitlich
fixierten, biologisch bedingten Manie“. Seit einem halben Jahr
nimmt sie an einer speziellen therapeutischen Gruppe teil. Alle Mitglieder
haben mindestens eine Manie und eine Depression erlebt. Die Gleichzeitigkeit
der verschiedenen Phasen soll der sehr quälenden krankheitstypischen
Zeitwahrnehmungsstörung (Gefühl ewiger Verdammnis in der
Depression und der Zeitlosigkeit in der Manie) entgegenwirken. Das
Beispiel von Frau Kunst soll das Geschehen in der Gruppe veranschaulichen.
Anschließend werden die Prinzipien der Arbeit begründet.
Bisher ist Frau Kunst regelhaft jährlich im Juni erkrankt. Es
ist April. Die Gruppe interessiert sich, ob „sie schon etwas
spürt.“ – „Nein.“ – „Was
passiert denn sonst noch im Juni, außer der Manie?“ –
„Na ja, ich habe Geburtstag, aber das war schon immer so, auch vor
der Manie.“ – „Und wie feierst Du Deinen Geburtstag?“
– „Wie jeder andere auch. Ich lade meiner Freunde und
meine Familie ein.“
Frau Kunst ist verheiratet, hat zwei Kinder von sieben und neun Jahren. Die
Eltern aus Süddeutschland kommen regelmäßig zu den
Feiertagen, auch um die Enkelkinder zu sehen. Für Frau Kunst
ist das alles selbstverständlich. In der Gruppe gibt es Nachfragen:
„Wie kann das denn gehen, gleichzeitig mit Freunden und Familie
zu feiern?“ – „Kein Problem.“ – „Und
wie schaffst Du die Vorbereitung?“ – „Meine Mutter
hilft mir.“ Die Gruppe fragt nach. Es stellt sich heraus, dass
die Eltern extra früher kommen, um bei der Vorbereitung zu helfen.
Die Mutter bringt viel Elan mit, hat genaue Vorstellungen, wie so
eine Feier ablaufen sollte. Die Tochter ist erst dankbar, fühlt
sich dann aber übergangen. Sie beginnt sich gegen die Vorgaben
zu wehren, will selbst bestimmen. Dafür muss sie aus Defensive
und Depression herauskommen und Kräftereserven mobilisieren.
Frau Kunst entwickelt immer extravagantere Vorstellungen und immer
mehr Energien, diese zu realisieren. Sie „spielt die Mutter
locker gegen die Wand.“ Diese steckt zurück, doch ihre
Tochter ist nicht mehr zu halten. Das Fest soll großartig werden.
Doch Frau Kunst verausgabt sich zu sehr. Die Flucht nach vorn hat
sie mitgerissen. Am Ende gibt es beschämende Auftritte, schockierte
Gäste, bittere Vorwürfe. Die Realität der Manie hat
Frau Kunst eingeholt. Pünktlich im Juni. Die Erkrankung besänftigt
die Gemüter. Die Eltern fühlen mit, sorgen sich um die Enkel
und versprechen, im nächsten Juni noch etwas früher zu kommen,
damit das Fest dann besser gelingt.
Eine tragikomische Geschichte? Eher bittere Realität mit viel Verzweiflung.
Die Gruppe ist beeindruckt, rät dringend, die Eltern diesmal später
einzuladen. Frau Kunst winkt ab. Das gehe auf keinen Fall, den Konflikt
würde sie nicht durchstehen, dann höchstens eben schon im Mai
manisch werden. Einige Gruppenmitglieder geben nicht nach. Zum Glück
zieht der Ehemann mit. Das Telefonat mit der Mutter wird im Rollenspiel
geübt. Frau Kunst setzt das Geübte um: Die Eltern sind wie erwartet
tief beleidigt, fügen sich aber in ihr Schicksal. – Das Fest verläuft
unspektakulär. Die Eltern kommen 14 Tage später. Im Nachhinein
sind sie zufrieden; es bleibe so viel mehr Zeit mit den Enkeln. Frau Kunst
wird nicht manisch, nicht vor, während und nach dem Fest, das ganze Jahr
nicht.
(Quelle: T. Bock, A. Koesler, Bipolare Störungen, Psychatrieverlag)
