Wissen über Psychosen

Was sind Ursachen und Hintergründe?

bildEine Vielzahl von Theorien und Hypothesen sind zur Entstehung von Psychosen formuliert worden. Allerdings konnte weder die biologische noch die psychosoziale Forschung bis heute eine wirkliche, für alle Menschen geltende Ursache finden. Deswegen geht man heute von einer sog. „multifaktoriellen” Ursache aus, was bedeutet, dass verschiedene Faktoren (biologische und psychosoziale) bei dem einzelnen Betroffenen zusammenwirken.

Das derzeit wohl beste Modell zur Entstehung von Psychosen wird als „Vulnerabilität-Stress-Modell” bezeichnet. Dieses besagt, dass Menschen mit einer möglicherweise genetisch bedingten Neigung zu Psychosen bzw. anderen Risikofaktoren besonders empfindlich sind für Stresssituationen wie Pubertät, Schulabschluss, Sich verlieben, Trennung, Überarbeitung, Urlaub, Umzug, Heirat, Verlust oder Todesfall eines nahestehenden Menschen, Schwangerschaft oder andere schwierige Lebensituationen. Oft sind es feinfühlige und kreative Menschen, die an einer Psychose erkranken.

Als eine biologische Ursache werden Stoffwechselstörungen von sog. Neurotransmittern (Botenstoffen) mit Psychosen in Zusammenhang gebracht. Botenstoffe sind für den Informationsfluss zwischen Nervenzellen zuständig. Bei Psychosen wird angenommen, dass unter anderem Dopamin, Serotonin und Glutamat eine Hauptrolle spielen.

Für den einzelnen Betroffenen mögen diese Faktoren mehr oder minder bedeutend sein. Wichtig ist es deshalb, die Entstehung der Psychose im persönlichen Kontext möglichst vollständig zu erfassen und zu versuchen, sie in ihren Zusammenhängen zu verstehen. Dies ist die Basis für eine individuell integrierte Therapie von Psychosen.

Ursachen – Das Vulnerabilität-Stress-Modell

Mit dem „Vulnerabilität-Stress-Modell” (Vulnerabilität = Anfälligkeit für eine Krankheit) ist die Anfälligkeit gemeint, in stressigen Lebensabschnitten mit psychotischen Symptomen zu reagieren. Die Anfälligkeit besteht bei allen Menschen, ist aber erhöht, wenn verschiedene Vulnerabilitätsfaktoren zusammenkommen. Stressige Lebensabschnitte sind z. B. Pubertät, Schulabschluss, Heirat, Verlust eines nahestehenden Menschen, Schwangerschaft oder kritische Lebensereignisse. Wenn diese Belastungen mit einer Vulnerabilität und nicht ausreichenden Bewältigungsmöglichkeiten zusammenfallen, können sie bei entsprechender Neigung zu psychotischen Symptomen führen. Trotzdem kann durch die schützende Wirkung anderer Faktoren (z. B. gute soziale Einbindung, gutes Funktionsniveau, gute Bewältigungsfähigkeiten) der Ausbruch der Psychose ausbleiben, so dass eine Erkrankung nicht unausweichlich ist.

Vulnerabilitäts-Stress-Modell

a) Mensch mit geringer Vulnerabilität wird erst bei hoher Stressintensität krank.
b) Mensch mit hoher Vulnerabilität wird schon bei niedrigem Stressniveau krank.
c) Bei gleicher Vulnerabilität kann der Mensch bei höherem protektivem Niveau eine höhere Stressintensität verkraften, ohne zu erkranken.

Ursachen – Störungen von Neurotransmittern

Als eine biologische Ursache werden Störungen von sog. Neurotransmittern (Botenstoffen) mit Psychosen in Zusammenhang gebracht. Botenstoffe sind für den Informationsfluss zwischen Nervenzellen zuständig. Bei Psychosen wird angenommen, dass unter anderem Dopamin, Serotonin und Glutamat eine Hauptrolle spielen. Dabei werden verschiedenen Symptomen verschiedene Störungen des Dopamins an unterschiedlichen Stellen im Gehirn zugeschrieben:

  • Für positive Symptome wie Wahn und Halluzination scheint eine Überaktivität des Dopamins in dem Teil des Gehirns zu bestehen, in dem Reize von außen verarbeitet werden und Affekte (z. B. Angst, Emotion) reguliert werden (sog. Mesolimbisches System).
  • Für negative und kognitive Symptome wie Lustlosigkeit, Energiemangel, Konzentrationsstörungen und sozialer Rückzug scheint eine Unteraktivität des Dopamins in dem Teil des Gehirns zu bestehen, das für kognitive Fähigkeiten und Motivation zuständig ist (sog. Mesokortikales System).

Ursachen – Vulnerabilitätsfaktoren

Die Vulnerabilität für die Entstehung einer Psychose bzw. einer Schizophrenie kann durch verschiedene Faktoren begünstigt werden. Dabei reicht meistens ein Vulnerabilitätsfaktor allein nicht aus, um die Psychose zu verursachen. Vielmehr ist es ein Zusammenspiel verschiedener Vulnerabilitäts- und Schutzfaktoren, die auf eine bestimmte Art und Weise zusammenwirken. Risikofaktoren für die Entstehung einer Schizophrenie sind zum Beispiel:

Art Vulnerabilitätsfaktoren
Klinisch
  • Persönlichkeitsstörung Cluster A
  • Schizotypie des Betroffenen oder in der Familie (z. B. Introvertiertheit, Selbstbezogenheit, Probleme bei der Beziehung zu anderen Menschen)
  • Familiäre Belastung mit einer Schizophrenie-Spektrumsstörung
  • Diagnose einer psychischen Störung im Kindes- und Jugendalter
  • Asperger-Syndrom
Verhaltensbezogen
  • Frühe Entwicklungsstörungen mit Defiziten im rechtzeitigen Laufen und Sprechen, im Temperament
  • Auffälligkeiten vor der Prodromalphase (=prämorbid) inklusive kognitiver Defizite mit entsprechenden Verhaltensauffälligkeiten, neuromotorische Dysfunktionen, geringe emotionale Ausdrucksfähigkeit, soziale Kompetenzdefizite, Antriebsschwäche, schulische und funktionelle Defizite
Umweltbezogen
  • Psychosozialer Stress inklusive negatives emotionales Klima, niedriger sozioökonomischer Status, instabiles Erziehungsumfeld
  • Schwangerschafts-, Geburts- und Stillzeitfaktoren inklusive Maserninfektion der Mutter in der Schwangerschaft, Infektion der Mutter im sechsten Schwangerschaftsmonat, schlechte Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft, Drogen- oder Alkoholgebrauch der Mutter während der Schwangerschaft, Frühgeburt, Sauerstoffmangel des Säuglings unter der Geburt, niedriges Geburtsgewicht
  • Cannabiskonsum vor dem 15. bis 18. Lebensjahr
Anatomisch/
neuroanatomisch
  • Geringe körperliche Auffälligkeiten
  • Abweichungen in der Hirnstruktur inklusive Erweiterungen der lateralen Ventrikel und der Basalganglienkerne, Veränderungen des limbischen Systems, Volumenverkleinerung verschiedener Hirnregionen
  • Verletzung oder Infektion des Gehirns in der Vorgeschichte
Chemisch
  • Dopaminerge Hypoaktivität im mesokortikalen und Hyperaktivität im mesolimbischen System
  • Veränderungen anderer Neurotransmitter inklusive Glutatmat, Serotonin etc.
  • Veränderungen der Verfügbarkeit verschiedener Neurotransmitterrezeptoren
Genetisch
  • Genetische Belastung (siehe pdf), jedoch keine sicheren Angaben zu Anzahl und Art der betroffenen Gene
Motorisch
  • Defizite in langsamen Augenbewegungen
  • Neurologische Softsigns wie z. B. Tremor (Händezittern) oder EEG-Veränderungen
Perzeptiv-kognitiv
  • Defizite in verschiedenen neuropsychologischen Bereichen wie z. B. Vigilanz, Antwortbereitschaft bei einfachen Reaktionstests, selektive Aufmerksamkeit, frühe Informationsverarbeitung, visuell-räumliche und sensorisch-motorische Informationsdefizite, Assoziationslockerung, Defizite in der Diskrimination mehrdeutiger Stimuli
Neuropsychologisch
  • Niedriger IQ
  • Dyslexie (Leseschwäche)

Genetische Belastung

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