Wissen über Bipolare Störungen
Was ist eine Bipolare Störung?
Alle Menschen kennen Stimmungsschwankungen. Es gibt Tage, an denen man
sich in niedergedrückter Stimmung befindet, an denen alles anstrengend
erscheint und das Selbstbewusstsein „angeknackst” ist. In
Zeiten, in denen man z. B. verliebt ist, fühlt man sich dagegen beschwingt
und euphorisch, alles geht einem in unbeschwerter und heiterer Stimmung
leicht von der Hand.
Bei der bipolaren oder auch manisch-depressiven Erkrankung gehen diese
Stimmungsschwankungen weit über das normale Maß hinaus und
sind unabhängig von den Lebensumständen. Die Stimmungsschwankungen
reichen von schwer depressiv bis schwer manisch mit allen dazwischenliegenden
Ausprägungen. Symptome der Manie sind z. B. ein intensives Hochgefühl
und Selbstbewusstsein, eine deutlich gesteigerte Leistungsfähigkeit,
ein vermindertes Schlafbedürfnis bis hin zur Schlaflosigkeit, Distanzlosigkeit
oder Rededrang im Umgang mit anderen Menschen. Symptome der Depression
sind dagegen ein gesteigertes Gefühl der Traurigkeit, Antriebslosigkeit,
Interesselosigkeit an Dingen, die normalerweise Freude machen, Neigung
zum ständigen Grübeln, pessimistische Zukunftsgedanken, Durchschlafstörungen,
frühmorgendliches Erwachen oder ein gesteigertes Schlafbedürfnis.
Die Betroffenen fühlen sich ihren Stimmungsschwankungen ausgeliefert
und empfinden diese vor allem in der Anfangsphase der Erkrankung als nur
schwer zu beeinflussen. Die wiederholt auftretenden manisch-depressiven
Phasen führen oft zu beträchtlichem Leid, sowohl bei den Betroffenen
selbst, als auch bei den Menschen in ihrer Umgebung.
Im Folgenden werden einige besondere Aspekte der Bipolaren Störung
sowie ihre besondere Eigendynamik beschrieben. Danach folgen Erscheinungsformen
und Hintergründe.
Besondere Aspekte Bipolarer Störungen
- Verlust des Zeitgefühls: Im Unterschied zu allgemeinen
Stimmungsschwankungen kann bei Bipolaren Störungen das Zeitgefühl
verloren gehen. Die Depression erscheint ewig und unausweichlich, war
immer so und wird immer so sein; entsprechend ist die Verzweiflung unendlich.
Die Manie wird erlebt als Quell unerschöpflicher Energien; entsprechend
werden Selbstüberschätzung und Risikoverhalten grenzenlos.
Die reale Phasenhaftigkeit der Erkrankung kann nicht wahrgenommen werden.
Therapie muss das Kunststück schaffen, Hoffnung zu vermitteln,
ohne vordergründig zu beruhigen, denn das würde mit Recht als
Hohn empfunden. Sie muss das Gefühl für Zeit wiedergeben. Sehr
selbstverständlich gelingt das in Selbsthilfegruppen oder in speziellen
Gruppentherapien: Im anderen Patienten bleibt die Phase sichtbar, die
man selbst gerade ausblendet. Durch die Ausgestaltung der Polarität
wird wieder mehr Beweglichkeit mit einer Tendenz zur Mitte möglich.
- Problem der Überanpassung: Bipolare Menschen
erscheinen bei genauerer Betrachtung tendenziell überangepasst.
In ihrer Sozialisation haben sie gelernt, den Erwartungen anderer zu
genügen und die Maßstäbe anderer unhinterfragt zu übernehmen.
Sie sind sehr bemüht, es allen recht zu machen. Eigene Maßstäbe
sind wenig bewusst und Konfliktstrategien unterentwickelt. Die
Depression macht dieses Dilemma offensichtlich und spitzt es noch fast
karikierend zu. Die Manie erscheint als ein Ausbruchversuch in Richtung
Unkonventionalität, doch die Befreiung kann innerlich nicht wirklich
gefüllt werden und wird von der Erkrankung eingeholt.
Aufgabe der langfristigen therapeutischen Begleitung ist also nicht,
die Anpassung zu perfektionieren, sondern zu helfen, eigene Maßstäbe
zu entwickeln, fremde Erwartungen zu hinterfragen und ungewöhnliche
Seiten oder Wünsche im alltäglichen Leben unterzubringen, statt
sie immer nur für die Manie aufzubewahren.
- Bedeutung des Selbstwertgefühls: Menschen mit
Bipolaren Störungen haben eine Lebensgeschichte wie andere Menschen
auch. Ihre Phasen haben Anfang und Ende – mit oder ohne Behandlung.
Ihre Symptome haben eine Entwicklungsgeschichte – ebenso wie die zur
Verfügung stehenden Ressourcen und Bewältigungsstrategien.
Vielleicht hilft der etwas vereinfachende Vergleich mit Bankkonten:
Wer viel Geld auf dem Sparkonto hat, kann sein Girokonto überziehen,
ohne ins Schleudern zu geraten. Wer die
Rücklagen aufgebraucht hat, hat keinen Kredit mehr. Und wenn er
überzieht, muss er hohe Zinsen zahlen. Als Währung einzusetzen
ist das Selbstwertgefühl. Selbstverständlich wirken Ich-stärkende
Erfahrungen, liebevolle Zuwendungen und selbstwertfördernde Ereignisse
schützend und das Gegenteil schädlich. Diese Wirkungen beschränken
sich nicht auf irgendeinen Lebensabschnitt und auch nicht auf die Zeit
bis zum Ausbruch der Erkrankung. Sie sind für die Behandlung relevant,
weshalb es schon erstaunlich ist, wie wenig es uns manchmal gelingt,
Kränkungen in und durch Behandlung zu vermeiden.
Die primäre Aufgabe von Akut- und Langzeitbehandlung ist, neue Kränkungen
zu vermeiden und alte verarbeiten zu helfen, individuelle Ressourcen wahrzunehmen
und einzubeziehen sowie familiäre/soziale Ressourcen abzusichern
und zu unterstützen.
- Wechselwirkungen: Offenbar gibt es Unterschiede
in der Art, wie wir Selbstwertgefühl entwickeln oder verlieren:
Manche Menschen werden schneller nervös, wenn ihr Konto überzogen
ist, andere zocken erfolgreich. Der emotionale Akku kann sich schneller
oder langsamer leeren und füllen. Die Rückkopplung von sozialen
Wahrnehmungen, emotionaler Verarbeitung und Steuerung des Antriebs kann
mehr oder weniger direkt erfolgen. Entsprechend wächst die Spannweite
der eigenen Emotionalität und die Anfälligkeit für ausgeprägte
Phasen. Bipolare Menschen sind nicht nur schneller gekränkt, sie
haben oder entwickeln auch eine hochsensible Wahrnehmung und reagieren
schneller unter Einsatz ihres gesamten Energiehaushalts.
Die Behandlung muss für diese Wechselwirkungen sensibilisieren,
damit die Möglichkeit der Selbststeuerung gestärkt wird.
- Typische Denkmuster / psychische Eigendynamik: Depressive
Denkmuster führen zu erheblichen Wahrnehmungsverzerrungen eigener
und fremder Leistungen: Misserfolge werden der eigenen Person, Erfolge
anderen zugeschrieben. Pläne führen fast zwangsläufig
zum Scheitern. Das Vorwegnehmen von Niederlagen täuscht Souveränität
vor, führt aber immer mehr in die Verzweiflung. In manischen Phasen
wirken ähnliche Verzerrungen in umgekehrte Richtung.
Diesen Mechanismus gilt es umzukehren: Mit Ausdauer und Gelassenheit
sind erste therapeutische Schritte immer wieder zu hinterfragen, bis sie
so klein sind, dass der Erfolg unvermeidlich wird. Hierbei ist die Beteiligung
anderer Erfahrener im Gruppensetting hilfreich.
- Soziale Wechselwirkungen: Bipolare Störungen
betreffen und belasten die nahen Angehörigen in hohem Maße.
Das gilt für Eltern und Geschwister sowie im Vergleich zu schizophrenen
Psychosen gehäuft auch für Partner und Kinder. Während
die Patienten zwischen Höhen und Tiefen hin- und hergerissen werden,
stehen insbesondere die Verwandten im Spannungsfeld von Nähe und
Distanz: Wie kann ich mich selbst schützen? Welchen Abstand brauche
ich, um meine eigene Liebe nicht zu gefährden? Welche Nähe
kann ich noch aushalten?
Die Entlastung der Angehörigen (einzeln oder in Gruppen) hat auch
einen therapeutischen Effekte für die Patienten. Die Arbeit mit bipolaren
Patienten ohne die Berücksichtigung der Angehörigen (separat
oder gemeinsam) ist ein Kunstfehler.
- Somatische Eigendynamik: Dass der Hirnstoffwechsel
an extremen Stimmungsschwankungen beteiligt ist, kann niemanden mehr erstaunen,
denn das gilt für alle Gefühlslagen und Handlungen. Allein,
erklären kann er sie genauso wenig wie etwa die Verliebtheit. Inzwischen
ist sogar belegt, dass die Veränderungen des Serotonins eher die
Folge von Entbehrungen und Frustrationen sind, allerdings mit der möglichen
Tendenz, die Sensibilität für spätere Ereignisse zu erhöhen
(Aldenhoff 1997).
Mit dem Konzept der „biologischen Narben“ lassen sich auch medikamentöse
Strategien besser begründen als mit dem allzu schlichten und falschen
Bild der direkten Kausalität. Zugleich bleiben Patient und Therapeut
in der Pflicht, auch über komplexere Hintergründe sowie individuelle
und soziale Ressourcen nachzudenken. Kompliziert genug ist die Medikation
ohnehin: Antidepressiva wirken nicht immer und nicht sofort, erhöhen
befristet das Risiko der Suizidalität und unbefristet das Risiko
des Swift (Wechsel in die Manie). Phasenprophylaktika bewahren mindestens
die Hälfte der Patienten nicht vor Rückfällen. Und antimanische
Neuroleptika haben, stärker noch als die anderen Mittel, erhebliche Nebenwirkungen.
Alle zusammen haben also mit Akzeptanz- und Kooperationsproblemen zu kämpfen.
Umso wichtiger ist es, die Medikation in eine psychotherapeutische Gesamtkultur
einzubinden und zu integrieren; ohne diese sind sie, obwohl notwendig,
kaum zu verantworten.
- Wechselwirkungen: Die Unterscheidung zwischen endogenen (inneren),
exogenen (äußeren) und reaktiven Zuständen wurde aus gutem Grund aufgegeben;
in unterschiedlicher Gewichtung sind diese Faktoren immer vertreten.
Außerdem wissen wir inzwischen sehr viel mehr über ihre Wechselwirkungen:
Auch Psychotherapie beeinflusst viele wesentliche physiologische Variablen.
Sogar die Gene wirken nicht deterministisch, legen den Menschen nicht
fest, sondern unterliegen komplexen physiologischen Prozessen, reagieren
auch auf Umweltbedingungen und können in ihrer Wirksamkeit
durch Lebenskrisen „geweckt” werden.
Die Wechselwirkung zwischen psychischen, sozialen und somatischen Faktoren ist
so komplex, dass sich Monotherapien kaum noch begründen lassen.